Zirbelfisch

Und wie überhaupt weiter
in dem Ab und Zu und Alltäglichen?
Die Sonne scheint mir im dunklen Kostüm
mir ewig fremd gekleidet
lose Nerven in Phthalogrün wie
der letzte Pinselstrich ein Versuch
das Allzu Blaue zu überdecken.
Jedes Kind malt die Sterne gelb.
Komplementär.
Das Meergrün der Fische, die Drehung
einer Muschel und weiter verwässert die
Strukturen und am Abend die Konturen
halb Farbe halb Form,
Fehhaar verloren auf dem Weg übers Wasser
über dem Tiefseekrater am Meeresboden.
Die Schuppen des Zirbelfischs locken
wissend hinab in die Tiefe, oben
überm Wasserspiegel stillt das Licht.


 

Ich ziele

Ich schwebe &
verliere meinetwegen den Kopf & treibe
den Wind an, dass er über die Wasser jagt,
die Hirnareale meines Minimalismus streift &
meinetwegen: Reich mir die Harfe oder die Standpauke &
ich spiel dir nach dem Mund.


Ich töne &
reduziere die Worte, verschlucke die Hälfte der Melodie,
hungrig, durstig, schlürfe, schürfe nach flüssigem Blau,
denn auf Gelb folgt meinetwegen Blau, aus dem Meer
gewonnen, dessen Rinnsale sich vom Wind getrieben
über meine Tonhände ergießen.


Ich ziele &
treffe. Es ist die kleinste Zielscheibe der Welt.
Sie ist nicht rund, sondern rot und züngelnd. Von dort
verlaufen alle Bahnen. Strom heisst Leben & die Verbündeten
sind Rauschgoldzwerge auf Rollschuhen oder auf Kufen. Je schneller
sie laufen, umso schneller pulsiert dieser Feuerknoten,
links, in Höhe eines menschlichen Herzens.

 

 

venezia

 

ich reise fern von mir in eine
venezianischblaue zeit. über brücken
fließen fische, angestaunt von
wesen aus geschichte.
masken und gesichter, fische


fließen hin zur quelle
über wasserstraßen springen frösche nah
am laub der letzten jahre kürzen sie
minuten zu momenten,
uhren zeigen nachts nach zwei.


boote fahren unter brücken
jahreszahlen steinarkaden zwischen
überwölbten gängen schielt der wind
eiskalt, um paläste schlingern gondeln
auf die toteninsel zu.

 

 

Der Mantel


Ich hülle mich ein ins Blau mit
Spuren von Nacht, die Wärme
vernäht, geborgen Quadrat für
Quadrat, gesteppte Zeit im kalten
Rahmen der arktischen Weite,
Flocken am Fließband, der
Wind rollt Schneebälle auf.


In der Fabrik am Meerrand
fülle ich Dose um Dose mit
kleinen Körpern. Funkelnde
Fischschuppen streifen meine
Augen, Dose um Dose, gesalzen
versiegelt & weiter auf ihrer
Reise in die Küchen der Welt.


Mein Nachhauseweg führt mich
im Boot übers Wasser, leuchtendes
Glimmen über dem Fjord. Wenn
mein blauer Mantel die Welt wäre,
wäre ich ihr glühender Kern.

 

 

Spitzbergen, Svalbard


Es reicht nicht. Bergstiefel. Zelt.
Kraft fehlt Geld. Sitzende Ruinen.
Versteinerte Pflanzen, vereinzelt.
Verzweifelt verwurzelt, wo Erdflocken
Flechten als einzige Verzahnung

 

dienen gefrorene Lockvögel auf
Pisten im Talwind, umtoste Gefieder.
Verwaiste Landstreicher verbringen
die Ewigkeit in endloser Weitsicht.
Eine Steilwand, Sprossen. Wer sichert

 

das Seil? Befellte Füße und Hände in
Fäustlingen, NordNordOst, Stiegen im Fels
Ziegen im Eis. Schau weiß.
Höre stumme Geräusche, fang haltloses
Licht. Spricht durch gefrorene Wasser leise

 

die Geschichte, die Gedichte in arktischer
Weise. Stauen sich Schlieren oszillierend,
Himmelsspan, zerflossenes Grün wie
Leuchtraketen gespiegelt in Augen und
Glanz auf komplementärfarbenen Wangen.

 

Durchdrungen. Erleuchtet. Empfangen.

 

 

Himmelsgewächse

 

Es läuft auf ein Wunder hinaus,
hinein strömt rechts von mir
eine Reihe aus Birkenstämmen,
links stürzen sich Hilfsfrüchte
ins knackende Laub, gerade zu
auf der Wiese liegt Fallobst
aus heiterem Himmel, rotbackig
glänzend birnenförmige kleine
Körper locken den Igel an.
Wenn er rennt, ist er schneller
als mein Verstand.

 

Ab und zu knirschen noch Sonnen-
strahlen im Kies, die Auffahrt
geharkt. Selbst der Himmel
beschäftigt Gärtner, zeigt Körper.
Über flimmernden Wassern liegt
noch die Hälfte der Nacht, aber
die andere Hälfte hat einen
stärkeren Willen. Es tagt.

 

 

Die Paragraphen der Bäume

 

Ein Raster oder Gitter ein Baumschatten
gewürfelte Muster, harrend,
vervielfältigte Rücktrittspuren auf
bestäubtem Boden.

 

Kurzatmige Personen durchqueren
eine Allee, keine Birke ist darunter.
Kleine Büschel von Lungenkraut
wuchern angedrängt an die Stämme.
Die Allee endet nie.

 

Mangels Rückgrat lehne ich an einem
Baum, sehe wie das Licht blinkt, die Spur
wechselt, wie es die eigene Tageszeit
überholt, wie das Laub aufstiebt.

 

Ein Baum legt einen Zweig auf meine
Schulter & tröstet mich. Ich wehre
mich gegen Raubbau. Ich enthalte mich
& wähle das, was augenfällig ist.
Das Licht, das Laub, das Lungenkraut.

 

 

Zeitigen

 

Jede Kindlichkeit abgelegt und jede
bildhafte Kleinheit und jede Niedlichkeit.
Über der abgetragenen verwaschenen Haut
liegt eine Ahnung von Zeit.

 

Vor den Toren steht wie eine Hülse das
Entsinnte: doppelte = keine Erinnerung
abgeschwächt vom bloßen Ende des Tages
zielen Gedenkpfeile – treffen fern vom

 

Schwarz der Scheibe ins umgebene Weite.
Eine Reise noch – was als Herbststurm begann
fand sich als Braut auf Landgang wieder, das
Haar in der Farbe rostiger Nägel, das Kleid

 

reinweiß. Als Bräutigam stand nur
der Wind zur Verfügung, der jene
aufrührenden Spuren der dritten Jahreszeit
trug. Kein Winter weit und breit.

 


 

Dies Land ein Traum


Über einer noch erhitzten Oberfläche aus Sand
biegt sich das Land, dreht sich wandelnd und räumt
sich selbst und kramt das bißchen Schilf hervor oder
Strandhaferflor oder Seegrasbestand.


Später schieben sich blickdichte Wellen über den Rand
des Abends. Ablandig kriecht ein Planet im Tarnanzug
herbei, umgeht die Lichtschranke der Nacht und wälzt
die See hin und her, spricht: bleib oder geh.


Hattest eine Fülle von Nacht, betratest reine schlichte
Räume, riefst latent die Sterne an, hieltest Hand
mit einem Wesen unerkannt, tief und licht und klar.


Fielst im Federkleid vom Himmel, fremde Luftgeschöpfe
fingen dich – Netz aus unbeflecktem Flaum –
stiegst gedämpften Schrittes aus dem unbewachten Traum.

 

 

Die deponierte (erfundene) Zeit


Ein im Fluß der nie so gut wie nie vergangenen
und und und der Zeit.
Bis zum Schatten überlaufend an den blauen Rändern
festgestellt vom Kopf getrennte Königskronen
Bergeinsamkeit
zwischen erklommen und abgesprungen –
Fallschirm der Wirklichkeit,
blinde Fenster, ausgehöhlte Fassaden, wir
nennen sie Schutzhütten.


Die Axt im Block gespaltene Scheite, Abstandhalter
zwischen Feuer und Asche im Kamin der Traurigkeit,
fast vergessen – Sprung im Raum der Hierarchien.
Verlaufene Uhren auf Gemälden, surreale Phantasien
gepinselte Märchen. Langzeitdystopie.
Wir werden runderneuert, die aufgeschlagenen Knie
desinfiziert und innerlich blank saniert. Rotstiftapathie.
Wir stehen stramm für unser Publikum.
Was die erfundene Zeit betrifft, wir trauen ihr nicht.

 

 

Im Vakuum der Nacht

 

Im Schlaf zeigt sich im
Niemandsland des Traumgeschehens
ein Mensch.
Er schreibt. Er achtet die Hand als
Zeichensetzerin und die Welt als Fund.


Er geht quer durch einen Nadelwald,
seine Schritte hinterlassen Spuren der vergangenen
Minuten, ein winzig kleines Vakuum. Dann,
auf einer Wiese kommt es zum Zusammenspiel
meiner Feder mit ihm, dem Experten der Entrücktheit.


Wenn es nicht Handke ist, ist es ein Kurzschluß
im System des Unbewussten, zwei kleine hinderliche
Buchstaben aus rostigem Draht, ein Durcheinander
der wechselnden Datensätze im Zwischenhirn,
ein heller Wunsch, im Bilderglühen der Nacht.


 

im lichten dunst


ein käfig aus seide hängt vom himmel
gewölbe über einer aura aus schnee
runde um runde verliert der betrachter
seine scharfgestellten augenlichter


am verschwommenen bildrand blüht
ein maulbeerbaum, erscheinen hängende
gärten die dächer der natur beherrschen
still und mächtig was nebelhaft erbleicht


aus grün wird graues lind die bogenbrücke
spannt gedämpft über den weißen fluss
schwingt mit jedem schritt und fängt
jeden laut schon vor seiner ankunft auf


in kaskaden wachsen gefiederte schöpfe
aus feuchten trieben fliegen fahle finken
eine goldammer glüht, ein gespinst
im dunst im dienst eines milden lichts

 

 

träume übernehmen mein leben

 

in der nacht machen mich meine träume glücklich.
sie forschen & erfinden aus bruchstücken, die sie kennen
dies & das.
sie wissen was ich brauche, besser als ich selbst.
sie umgeben mich mit menschen für die ich schwärmte
als ich noch kind & klein war.

dann & wann
schaufeln sie verschüttete wege frei oder
vereiste. ich erlange reputation. sie schieben mich vor,
wenn es heißt:
finde das glück oder
finde die liebe.
sie machen, dass ich lauthals flüsternd im schlaf gespräche führe
über literatur oder
die angst vor dem altern oder
das auswechseln der batterie einer küchenuhr.

manchmal übertreiben sie. dann fallen sie vor mir auf die knie:
dürfen wir, ausnahmsweise, es ist schon so lange her, wirklich nur
noch ein einziges mal, heute, bitte
einen albtraum, einen kleinen, kurzen, bitte! Ich nicke schlafend,
ich stimme zu, ich sage gebetsmühlenartig, schablonenhaft: ja,
wenn ihr mich nur schlussendlich glücklich macht.

 

 

Handkes Bleistift


Heute stand neben mir in der Tram
der junge Handke und hielt einen
Bleistift in der einen und einen Korb
voller Röhrenpilze in der anderen Hand.
Er murmelte etwas von läppischer
Literatur und dass Verzückung ihn ergriff,
als er unerkannt aus dem Wald an den
Stadtrand fand. Ich glaubte ihm aufs
Wort und hielt mich am Haltebügel fest.
Bevor er ausstieg, hinaustrat, nahm er kurz
die Brille ab. Da fiel der Bleistift herab.
Später fand ich Spuren von Sand aus der
Bucht in meiner Jackentasche, hörte das
Geräusch der Schnitte, die ins Pilzfleisch
drangen; es klang wie ein Schritt im ver-
harschten Schnee. Den Bleistift hatte ich
aufgefangen.

 

 

aus Zyklus "Niemandsland"

Über den Pinselrand


Und so öffnete ich diese winzige Schatulle,
in der ich ein wenig dieses andauernd haltbaren
Nichts vorfand.
Kostbar und fühlbar mit den Fingerspitzen
ertastend, denn so klang es, so wie eine
unvermischte Farbe, rein und weiß und wegen
des Marderhaarpinsels zerstäubt, zerklüftet.
Jeder Versuch einer Form unangebracht, nur
ein im Kreisen (des Pinsels, der Hand) entstandener
Raum; ein Gleichnis der Farbe in meiner Basis
mit dem außen wütenden Sturm.
Ohne die Jahre zu zählen, fallen die letzten (dunklen)
Tropfen vom Pinsel aufs Papier.
Die Schatulle schließt sich, Leere ergießt sich
bis über den Rand, doch die Hand vergisst nicht
schwingt weiter im erinnerten Klang.

 

 

aus Zyklus "Niemandsland"

Eines Menschen Spur


Frühlicht, wie eine leuchtende Spur
zieht sich bald hier bald dort
über die Dächer dazwischen
ein Spalt schon
blauen Himmels hindurch fliehend
die Korrektur einer Wolkenwand aus
gebündelten Rundungen zugegen
die Farbe „waches Grau“ zugespitzt
und beinahe blickdicht.


Unten wurzelt ein im Zusammenhang
mit dem Über-all stehender Mensch.
Beugt sich, streckt sich, lauscht. Vergisst
sich. Packt alle sonst verlorenen Dinge:
ein Ahornblatt, ein abgeschnittenes Wort,
verpatzte Pinselstriche und den Rest der
gefallenen Sätze – im Abwenden fällt
ihm ein tosender Zorn aus dem Kopf
bleibt zurück
und im Weitergehen reift das Licht in ihm
und über ihm bleibt der Himmel stehen.

 

 

aus Zyklus "Niemandsland"

Wessen Hand?

 

Etwaige Werkstätten ließen sich finden an
jenen langen ausgetretenen Straßen im Abstand
zur bloßen roten Erde, zu zerklüfteten Halden
fassen sich die Gebäude an den Händen, eine
knappe Verbeugung, scheint dir; Sie warten auf
ihre Konservierung, in ihrer Reinheit wirken sie
leer. Nur hinter manch blindem Fenster scheint
eine Hand mit einem Zündholz Feuer zu entfachen
(Wessen Wesens Hand?)


Und am letzten dieser Häuser ist eine Scheibe
zerbrochen, ist ein Zugang offen, hebt sich der
doppelte Boden, verlassen Gestalten wie Geister
den Ort, an dem sie Schritt für Schritt ihre Seele
verloren, ihre Freunde verrieten, dafür Ablass
kauften. Bald verwischen sich die Bilder, werden
Schemen, nur noch Umrisse einer Siedlung sind
zu sehen, umgeben von Brache mit randständigen
Zäunen am südlichsten Ende scheinen verdorrte
Wälder in die Zukunft zu sehen.

 

 

In meinem Kopf

 

Haut spannt sich
wie ein Zelt über das Rund
unter dem in einer Knochenschale
all das liegt was
fortwährend geschieht
nach vorn
ausgerichtet mein 7. Gesicht
in dem alles
Geschehende zu lesen ist

 

 

Sammle Seesterne


Ich sammle Steine und Mineralien
ich sammle Geld nur
die Münzen wie Muscheln im Sand
die Scheine die ich finde vermehre
ich und setze sie aus in der Welt


Kein einziger Bernstein zeigt sich
obwohl doch Sturm war in der
Nacht ein Wind ein Wolkenbruch
meine in Wasser gelösten Freunde
meine Stiefgeschwister liegen
knöchern am Grund


Ein Seestern fällt vom Himmel
die Luft vibriert für eine Sekunde
stockt die Zeit spiegelt sich auf der
Oberfläche einer anderen Welt

 

 

chaos


eine kluft zwischen hier
und dort
(und am ende nichts?)
für den anfang:
deine kreation, meine schöpfung
paradiesisch
die fluide, deine sind ein fest


sprich nicht vom durch-ein-ander
verrätselter zeiten
von asche und schaum
sieh dir die ausmaße an!
weitreichend hinlänglich
fruchtbar
(und am ende nichts?)


ein stoß ins abseits
bricht alle rippen
nur die Eine adams nicht