Handkes Bleistift


Heute stand neben mir in der Tram
der junge Handke und hielt einen
Bleistift in der einen und einen Korb
voller Röhrenpilze in der anderen Hand.
Er murmelte etwas von läppischer
Literatur und dass Verzückung ihn ergriff,
als er unerkannt aus dem Wald an den
Stadtrand fand. Ich glaubte ihm aufs
Wort und hielt mich am Haltebügel fest.
Bevor er ausstieg, hinaustrat, nahm er kurz
die Brille ab. Da fiel der Bleistift herab.
Später fand ich Spuren von Sand aus der
Bucht in meiner Jackentasche, hörte das
Geräusch der Schnitte, die ins Pilzfleisch
drangen; es klang wie ein Schritt im ver-
harschten Schnee. Den Bleistift hatte ich
aufgefangen.

 

 

aus Zyklus "Niemandsland"

Über den Pinselrand


Und so öffnete ich diese winzige Schatulle,
in der ich ein wenig dieses andauernd haltbaren
Nichts vorfand.
Kostbar und fühlbar mit den Fingerspitzen
ertastend, denn so klang es, so wie eine
unvermischte Farbe, rein und weiß und wegen
des Marderhaarpinsels zerstäubt, zerklüftet.
Jeder Versuch einer Form unangebracht, nur
ein im Kreisen (des Pinsels, der Hand) entstandener
Raum; ein Gleichnis der Farbe in meiner Basis
mit dem außen wütenden Sturm.
Ohne die Jahre zu zählen, fallen die letzten (dunklen)
Tropfen vom Pinsel aufs Papier.
Die Schatulle schließt sich, Leere ergießt sich
bis über den Rand, doch die Hand vergisst nicht
schwingt weiter im erinnerten Klang.

 

 

aus Zyklus "Niemandsland"

Eines Menschen Spur


Frühlicht, wie eine leuchtende Spur
zieht sich bald hier bald dort
über die Dächer dazwischen
ein Spalt schon
blauen Himmels hindurch fliehend
die Korrektur einer Wolkenwand aus
gebündelten Rundungen zugegen
die Farbe „waches Grau“ zugespitzt
und beinahe blickdicht.


Unten wurzelt ein im Zusammenhang
mit dem Über-all stehender Mensch.
Beugt sich, streckt sich, lauscht. Vergisst
sich. Packt alle sonst verlorenen Dinge:
ein Ahornblatt, ein abgeschnittenes Wort,
verpatzte Pinselstriche und den Rest der
gefallenen Sätze – im Abwenden fällt
ihm ein tosender Zorn aus dem Kopf
bleibt zurück
und im Weitergehen reift das Licht in ihm
und über ihm bleibt der Himmel stehen.

 

 

aus Zyklus "Niemandsland"

Wessen Hand?

 

Etwaige Werkstätten ließen sich finden an
jenen langen ausgetretenen Straßen im Abstand
zur bloßen roten Erde, zu zerklüfteten Halden
fassen sich die Gebäude an den Händen, eine
knappe Verbeugung, scheint dir; Sie warten auf
ihre Konservierung, in ihrer Reinheit wirken sie
leer. Nur hinter manch blindem Fenster scheint
eine Hand mit einem Zündholz Feuer zu entfachen
(Wessen Wesens Hand?)


Und am letzten dieser Häuser ist eine Scheibe
zerbrochen, ist ein Zugang offen, hebt sich der
doppelte Boden, verlassen Gestalten wie Geister
den Ort, an dem sie Schritt für Schritt ihre Seele
verloren, ihre Freunde verrieten, dafür Ablass
kauften. Bald verwischen sich die Bilder, werden
Schemen, nur noch Umrisse einer Siedlung sind
zu sehen, umgeben von Brache mit randständigen
Zäunen am südlichsten Ende scheinen verdorrte
Wälder in die Zukunft zu sehen.

 

 

In meinem Kopf

 

Haut spannt sich
wie ein Zelt über das Rund
unter dem in einer Knochenschale
all das liegt was
fortwährend geschieht
nach vorn
ausgerichtet mein 7. Gesicht
in dem alles
Geschehende zu lesen ist

 

 

Sammle Seesterne


Ich sammle Steine und Mineralien
ich sammle Geld nur
die Münzen wie Muscheln im Sand
die Scheine die ich finde vermehre
ich und setze sie aus in der Welt


Kein einziger Bernstein zeigt sich
obwohl doch Sturm war in der
Nacht ein Wind ein Wolkenbruch
meine in Wasser gelösten Freunde
meine Stiefgeschwister liegen
knöchern am Grund


Ein Seestern fällt vom Himmel
die Luft vibriert für eine Sekunde
stockt die Zeit spiegelt sich auf der
Oberfläche einer anderen Welt

 

 

chaos


eine kluft zwischen hier
und dort
(und am ende nichts?)
für den anfang:
deine kreation, meine schöpfung
paradiesisch
die fluide, deine sind ein fest


sprich nicht vom durch-ein-ander
verrätselter zeiten
von asche und schaum
sieh dir die ausmaße an!
weitreichend hinlänglich
fruchtbar
(und am ende nichts?)


ein stoß ins abseits
bricht alle rippen
nur die Eine adams nicht

 

 

Eine Selbstauskunft


Mein Platz ist mir sicher
samstags im Wald und
an den anderen Tagen
Sabotagen
wohin ich auch gehe
ich bleibe nicht lang
zu kalt zu warm zu überspannt


An Regentagen abends
spielt das Orchester der
Tropfen mit meinen Fragen
früher und an anderen Tagen
stehen die Zeugen gelangweilt
da und blättern durch die Jahresseiten
suchen nach meinem Ereignisbericht:
„Was hast du die ganze Zeit gemacht?“


Ich habe Lotse gespielt an
Sommertagen mit Gewittern
am Ende in Erdmulden verharrt
in Wartehäuschen der Zukunft
mein Glück versucht

 

 

WAS ICH MITNEHME

 

Was ich mitnehme:
mein Steckenpferd
meine Badehaube
mein linksdrehendes Alphabet
die einsamen Küstenstreifen
die zerrissenen Seiten
das Modell vom Laufsteg


Wenn ich gehe
trage ich die Abschiedstasche
in der Brusttasche links
klopft das lebensspendende Organ
auf die Schnelle finde
ich die Ruhe nicht
mich umzudrehen zu sehen
was noch fehlt


Ob ich zurückkehre
weiß ich nicht
was dabei ist
(leere Seiten!)
wird die Antwort
wissen oder finden oder bleiben

 

 

Der seltsame Engel

                                                                                                 Hommage an Sylvia Plath                                                       

Ich bin der seltsame Engel
der niemals die Gründe zählt
der unabhängig vom angehaltenen Tag
die Bienenkörbe pflegt
der gegen morgen weiterreist dem
Rückwärtslicht am Himmel folgt
über Zäune und Mauern schwebt
& an nötigen Orten den Gashahn
abdreht


Ich bin der Engel der am längsten
an ausgehobenen Gräben steht
dessen Tränen statt unaufhörlich zu rinnen
zarte Keimlinge gießen
der längst zu den ausgestorbenen wesen
zählt


 

warten

 

unruheflimmern
bei weitem langem atem
reichweite erinnern &
die guten plätze sichern


herzhoflungern
ein schade & nein danke
für mich heute nicht ...
augenrollen


alle wollen alles auf ex
& im nachhinein fehlt
der akurate abstand
echtzeitrauschen


in vergessenheit geraten
desolates stimmenschwirren
enchanté, auf Sie! & alle
die noch kommen


eine ankündigung: ab-
& zugeordnete wählen
ihre vertreter auf papier
wird alles fest-gehalten


unbehagen: bei kurzsichtig-
keit weiterhin das vergrößerungs-
glas vors rechte Auge halten
teile abspalten die quersumme


addieren, mal-nehmen, die
Abzüge bleiben sichtbare teile
des ganzen, brandbriefe schreiben
& die welt beheimaten

 

 

flüchtig


was ein paar tropfen
was ein wenig meer so 
wandeln kann in der ferne
zeiger mit beweglichem flügel
über sand tief gebeugte äste


wind leckt an trockener rinde
beweg dich, flieh ...
flüchtende wipfel in richtung
land, abstand zum längst
vergessenen spiel mit dem himmel


ein einziges Boot mit lausigem
fang, abgespeckt der fischer
die netze versalzen vergib mir
vergiß mich, ich bin nur ausdauernd
wasser doch meer bin ich nicht

 

 

stiegenhausblues


ich baue ein haus aus licht
inmitten von hauptverkehrsstraßen
ich bringe sterne mit & luft
ich bringe sprache in alle
stockwerke


rauhfaserfarbene worte schlag
ich aus unverputzten wänden
ich verstehe längst nicht genug
vom handwerk, ich sammle
backsteine auf abraumhalden


berge von schutt & metall
ziehe worte magnetisch an
kleide sie ein – ein taufkleid
sollen sie tragen & und namen
die noch keiner kennt


ich baue ein haus, ich öffne türen
licht fällt herein & am boden
spuren von vorstellungskraft 
ich klaube die hellen klaren heraus
alles spricht und springt mir bei


 

 

Land unterm Meer


Lockvogelrufe – so klingen
Legenden aus Zeilen aus-
gedachte Räume


die letzten Möbel verhüllt mit weißem Tuch
damit kein Staub eindringt in die
Tiefe der Edelhölzer, des seidenen Sitzbezugs


schmale Gänge lange Tunnel
Straßen unter Wassermassen
keine Fahrt ohne Licht


überblendete Bilder spiegeln Raum
auf den Dächern fließen Ziegel davon
eine Herberge, eher ein Aufenthaltsort


der Mantel hängt noch am Haken
die Schuhe stehen unverrichteter Dinge
die Wege schon in der Wiege vor-


geschrieben, schon vor der Zeugung
alles entschieden die Wiegenlieder
abgesungen, seht! eine Wassergeburt

 

ins Meer gefallen eine Kruste aus
Salz und Blut und Schwimmhäute
zwischen den Zehen


kann nicht in Schuhen gehen
muss auf Flossen stehen führt
weder Erd- noch Wasserleben

 

 

verbannung

 

aus zerbrochenen krügen und
schalen ein scherbengericht
es war einmal
heute ritzen sie
ihr urteil direkt ins fleisch
durch die körperhülle
bis ins innere tonsplitter
gesänge
ein flötenspiel
es war einmal
eine laute


wichtigkeit fällt
eine hohe leiter herab
größe zeigt sich
im kleinen zeigt sich
unten im staub
es war einmal
es hört nie auf
richter statt kläger
die einen schreien
die anderen schweigen
kein laut und
einer (ist keiner)
der geht

 

 

aufruf


die geister die ich rief
und deren kinder
und kindeskinder
und das kleinvieh
und das heu in der krippe


vor der tür vor dem haus
sind die tonnen gefüllt
wachsen scheiterhaufen und
der hund hebt das bein
löscht die lichter aus


wer die lanze bricht
für die geister im raum
hisst die fahnen lässt
die boote zu wasser
wirft die netze aus


zeugt im bauch des wals
neue geister und gehorcht
dem fischer der wasser zu wein
und das brot aus der krippe
verteilt und die weisen heilt


 

Anbahnung


Das Leuchten zwischen den Häuserwänden
eine schwingende Membran
innen gingen die Bewohner wie Diebe
die an ihrer Beute verzagten


in zitternden Räumen auf und ab
Riegel wurden vorgeschoben kein Laut
zu hören nur draußen diese Töne
zwischen Beton und Glas


Durch die Flure huschten Ratten
oder waren es Eidechsen?
Auf dem Herd in der Küche
brodelte leise Nachtschattensuppe


Draußen die Lichthaut zwischen den
Mauern versuchte der Klang sich
zu dehnen als einer es wagte hinaus zu
treten glitt er aus stürzte


hinein und federte auf und ab
Drinnen hörte man auf in der Suppe
zu rühren man lauschte - zu hören
war der beginnende Tag - er rauschte.


 

 

rundreise

 

am rand stehen
schauen
wie alle sich bewegen
blickpunkte aussichten
absehen maß nehmen
einen abstand her-
und hinstellen durch
dringen und schreiben
verzweigen mit
großen augen ablichten und
vervielfältigen
hände erheben hände ringen


überm blatt sammeln
luflinien sichten
an unbelichteten orten
langsamer gehen warten
spaliere flankieren bereiche
in mir reifender gebilde
abwägen
nährstoffe heraus lesen
pflücken, wiegen
pfundweise verschlingen
lustschneise wort leise
messerklingen

 

 

 

ich verstehe die nacht nicht

 

ich verstehe die nacht nicht
sehe gelöschte wolken über einer staubschicht
aus zwielicht genährt von großstadtneon
der impuls ist eindeutig: ein herz

 

fassen & gehen
da ein mond & die sterne & alles
erbleicht weil die stadt im vordergrund
farbe verstreicht jeden augenblick mit netzen verhängt

 

ich steige vorsichtig über geräusche hinweg
streife tagtemperaturen ab gleite durch
die straßen mir fehlt erde nur asphalt
unter den füßen & die halbe welt auf den beinen

 

 

eine vorstellung von

 

niemand
im regen stehend
niemand hochnäsig
oder lactoseintolerant
niemand
ohne makel
oder wegen anomalie
ab-sonderbar


oder


eine vorstellung von
niemand
bleich auf dem kahlen boden
   weiterlesen ...