GAIA

Nichts wird jemals gesagt.
Eine Stummheit liegt am Rande der Felder
im Wald hausen Stämme
wachsen aus stimmloser Rinde
alle Äste zurück.
 

Darunter entflieht das neue Gras
dem unterirdischen Raunen
dem geblähten Leib der uralten
Erdmutter. Mit blassen Wangen
betreibt sie ihre Gärtnerei
der Stimmgabeln. Bislang
gibt sie keine frei.

 

Was sie gebiert,
ist der Dünger für
all die redlichen Ratlosen.
Was wirklich wächst
ist eine Farce. Eine nie gekannte
Farblosigkeit, ein Abgesang
im selbstgenähten Blütenkleid.

 

Kunst ist Zauberei aus dem
Stammhirn der Zeit. Aus dem
kochenden Erdkern dringt eine
Stimme. Ja, Mutter, ich höre dich.
Ja, ich will.

 

 

Die Sanfte

Ich bin die Sanfte,
die sich zu helfen weiß,
die Späne mit dem großen Hobel zieht,
die den roten Klatschmohn pflückt, als
Widerstand gegen die mit dem älteren Recht.
 

Ich bin die Lilie,
duftend und sanft, die zwischen rot & grün
sich abzuheben weiß. Ich bin der Widerstand
im Angesicht derer, die sich einen Weg
durch die verborgenen Orte bahnen.
 

Weiß bin ich und sanft.

 

 

Komm!

In der Nacht verlasse ich mein
hiesiges Leben & werde
Detektivin, verstecke mich hinter
Spiegeltüren und fotografiere unter
finsteren doppelten Böden.


Ich beuge das Recht, ich darf das
in der Nacht. Ich spanne ein Netz
unter Sternen & stehe abseits der
selbsternannten apokalyptischen
Reiter, ein ewiger Zweiter.


Wenn das Dunkel sich neigt, wird
Unkraut zu Veilchen und ich
verfolge sich balgende Welpen,
eile durch hohle Gassen, filme
die Wirklichkeit hinter Fassaden.


Die Waffe, die ich mit mir führe,
ist geliehen, meine Kamera Gewähr.
Mein Auftraggeber ist eine alte
Weise, die mit einem Kind an der
Hand Lieder der Wahrheit singt.

 

 

Gewachsen


Sonderbar klein sein, morgens,
und am Abend wieder groß
gewachsen in Ringen, an Bäume
gelehnt, baumrindenumfangen
und die Lider sanft geschlossen.


Begleitet vom Pochen im Kopf
ein Wachstumsschub und
das Klopfen eines Spechts.
Vom Verlieren verloren, die Federn


zersaust, aus meinen Haaren hat
einer Vogelnester gebaut. Die alte
Eiche nimmt einen Bienenschwarm auf.
Eine Zeder ragt, unentschieden


zwischen Nadel und Laub, ihre
lederne Rinde streift meine Haut.
Ich höre wie ihr hölzernes Herz klopft.
Ein Stamm wie gedrechselt und


das Grünzeug der Zweige himmelan.
Schon die zartesten sind geübt
im Bergen der Vögel, die Blätter
behutsam wie eine gewölbte Hand.


Ohne zu sehen wachse ich mit,
eine Blindgängerin des Lichts
ziellos im Dienst alter Wälder,
meine Haut, eine Borke aus geronnener Zeit.

 

 

Ich ziele

Ich schwebe &
verliere meinetwegen den Kopf & treibe
den Wind an, dass er über die Wasser jagt,
die Hirnareale meines Minimalismus streift &
meinetwegen: Reich mir die Harfe oder die Standpauke &
ich spiel dir nach dem Mund.


Ich töne &
reduziere die Worte, verschlucke die Hälfte der Melodie,
hungrig, durstig, schlürfe, schürfe nach flüssigem Blau,
denn auf Gelb folgt meinetwegen Blau, aus dem Meer
gewonnen, dessen Rinnsale sich vom Wind getrieben
über meine Tonhände ergießen.


Ich ziele &
treffe. Es ist die kleinste Zielscheibe der Welt.
Sie ist nicht rund, sondern rot und züngelnd. Von dort
verlaufen alle Bahnen. Strom heisst Leben & die Verbündeten
sind Rauschgoldzwerge auf Rollschuhen oder auf Kufen. Je schneller
sie laufen, umso schneller pulsiert dieser Feuerknoten,
links, in Höhe eines menschlichen Herzens.

 

 

venezia

 

ich reise fern von mir in eine
venezianischblaue zeit. über brücken
fließen fische, angestaunt von
wesen aus geschichte.
masken und gesichter, fische


fließen hin zur quelle
über wasserstraßen springen frösche nah
am laub der letzten jahre kürzen sie
minuten zu momenten,
uhren zeigen nachts nach zwei.


boote fahren unter brücken
jahreszahlen steinarkaden zwischen
überwölbten gängen schielt der wind
eiskalt, um paläste schlingern gondeln
auf die toteninsel zu.

 

 

Der Mantel


Ich hülle mich ein ins Blau mit
Spuren von Nacht, die Wärme
vernäht, geborgen Quadrat für
Quadrat, gesteppte Zeit im kalten
Rahmen der arktischen Weite,
Flocken am Fließband, der
Wind rollt Schneebälle auf.


In der Fabrik am Meerrand
fülle ich Dose um Dose mit
kleinen Körpern. Funkelnde
Fischschuppen streifen meine
Augen, Dose um Dose, gesalzen
versiegelt & weiter auf ihrer
Reise in die Küchen der Welt.


Mein Nachhauseweg führt mich
im Boot übers Wasser, leuchtendes
Glimmen über dem Fjord. Wenn
mein blauer Mantel die Welt wäre,
wäre ich ihr glühender Kern.

 

 

Spitzbergen, Svalbard


Es reicht nicht. Bergstiefel. Zelt.
Kraft fehlt Geld. Sitzende Ruinen.
Versteinerte Pflanzen, vereinzelt.
Verzweifelt verwurzelt, wo Erdflocken
Flechten als einzige Verzahnung

 

dienen gefrorene Lockvögel auf
Pisten im Talwind, umtoste Gefieder.
Verwaiste Landstreicher verbringen
die Ewigkeit in endloser Weitsicht.
Eine Steilwand, Sprossen. Wer sichert

 

das Seil? Befellte Füße und Hände in
Fäustlingen, NordNordOst, Stiegen im Fels
Ziegen im Eis. Schau weiß.
Höre stumme Geräusche, fang haltloses
Licht. Spricht durch gefrorene Wasser leise

 

die Geschichte, die Gedichte in arktischer
Weise. Stauen sich Schlieren oszillierend,
Himmelsspan, zerflossenes Grün wie
Leuchtraketen gespiegelt in Augen und
Glanz auf komplementärfarbenen Wangen.

 

Durchdrungen. Erleuchtet. Empfangen.

 

 

Himmelsgewächse

 

Es läuft auf ein Wunder hinaus,
hinein strömt rechts von mir
eine Reihe aus Birkenstämmen,
links stürzen sich Hilfsfrüchte
ins knackende Laub, gerade zu
auf der Wiese liegt Fallobst
aus heiterem Himmel, rotbackig
glänzend birnenförmige kleine
Körper locken den Igel an.
Wenn er rennt, ist er schneller
als mein Verstand.

 

Ab und zu knirschen noch Sonnen-
strahlen im Kies, die Auffahrt
geharkt. Selbst der Himmel
beschäftigt Gärtner, zeigt Körper.
Über flimmernden Wassern liegt
noch die Hälfte der Nacht, aber
die andere Hälfte hat einen
stärkeren Willen. Es tagt.

 

 

Die Paragraphen der Bäume

 

Ein Raster oder Gitter ein Baumschatten
gewürfelte Muster, harrend,
vervielfältigte Rücktrittspuren auf
bestäubtem Boden.

 

Kurzatmige Personen durchqueren
eine Allee, keine Birke ist darunter.
Kleine Büschel von Lungenkraut
wuchern angedrängt an die Stämme.
Die Allee endet nie.

 

Mangels Rückgrat lehne ich an einem
Baum, sehe wie das Licht blinkt, die Spur
wechselt, wie es die eigene Tageszeit
überholt, wie das Laub aufstiebt.

 

Ein Baum legt einen Zweig auf meine
Schulter & tröstet mich. Ich wehre
mich gegen Raubbau. Ich enthalte mich
& wähle das, was augenfällig ist.
Das Licht, das Laub, das Lungenkraut.